Tourenbericht 2019

Von Oostende nach Hamburg

von Jan

31. August 2019

Die Westflamen setzen vor ihr Ostende noch ein O, vermutlich um es von den vielen östlichen Enden, z. B. dem von Eberswalde, Frankfurt und Schöneweide unterscheidbar zu machen. Dabei ragt doch Oostende schon dadurch von den vielen Enden heraus, dass es genau am anderen Ende liegt. Aber vielleicht gibt es ja zu viele Westends … oder aber die Sache wird vom Wasser aus gesehen. Doch auch auf meiner diesjährigen Segeltour sollte Oostende der westlichste Punkt bleiben.

An der Einfahrt zur Schleuse von der Mercator-Marina in den Montgomerydok beobachtete ich – weil die Brücke nicht hochschlug – ein Paar.

Aufmerksam machte mich ein Fiepen. Ein braungrau melierter Vogel von doppelter Huhnesgröße senkte den Kopf, um sich ganz klein zu machen und umschwirrte seine Silbermöwenmutti von höchstens gleicher Größe. Oh, war das mitleiderregend. Doch die Mutter, im Kleid aus Himmel und Meer, versuchte es mit Ignoranz. Der ausgewachsene Jungvogel machte sich kückenklein und klagte in noch höheren Tönen. Mutter schrie so etwas wie: „Mach Dein Frühstück selbst!“ … Aber nicht lang, so war ihr Herz erweicht und sie quetschte eine Schnecke und bot sie dar. Vielleicht wollte sie auch nur einfach ihre Ruhe.

Wir, Tier und Mensch, sind so verschieden nicht.

Das war mein das Erlebnis, das ich aus Belgien zu berichten habe.

Mein Niederlandeerlebnis trug sich auf einem Sandhaufen zwischen Watt und Nordsee namens Vlieland zu.

Montag, den 2. September, abends, nach 180 Seemeilen möchte man mal eine Sanitäreinrichtung aufsuchen. Zahnpflege auf festem Grund. Und gepflegt! Warum so gepflegt? Zunächst dachte ich, ein Segler hätte seinen rosaroten Putzlappen am Rand seines Beckens vergessen. Links oben. Bis mir auffiel, dass solch ein Lappen zu jedem Becken gehört. Gleichsam wie ein wischbarer Wink. Der niedergelegte Lappen als Substitut vielsprachiger Hinweisschilder. Der Lappen spart jede Form von Belehrung und sein Rosa ein zarter vorauseilender Dank an jeden Benutzer.
Wieder was gelernt.

Mittwoch 4. September
Den zweiten Schlag gesegelt und schon das zweite Drittel der Woche um. Von Schiffen, Windparks und Tonnen umgeben, liegt Helgoland nicht mehr einsam im Meer. Matt schleichen über uns die Sterne, ermatten im Lichtermeer. Alle fünf Sekunden blendet das stärkste Leuchtfeuer, das Deutschland zu bieten hat. Es würde von Berlin aus bis zur Oder leuchten. Der Turm trug vor dem Licht ein Flak und weist den Weg zu diesem einstigen Sagen- und Sehnsuchtsland. Verklärt als Herta- und Bernsteininsel. Heute zollfreie Zone voll von Tempeln für Spirituosen. Hinter dem Gürtel fähnchenbewehrter Buden liegt roter Stein. Oder steht, besser gesagt. Sandstein reibt sich im Widerstand gegen das Meer auf. Die Farben Helgoland, Grün, Rot, Weiß. Grün, die hauchdünne Grasnarbe auf dem Felsen, Rot, er selbst und Weiß, die sich brechende See, die 1721 (es waren nicht die Briten) die Insel zerbrach.

6. September
Von Helgoland nach Glückstadt, dritter Schlag.
Sieht man von einigen Hilfsschlägen ab, segelten wir den ganzen Törn auf einer Backe ab. Also auf einem Bug, Steuerbord. Auf den 380 Meilen von Oostende, entlang der Nordseekontinentalküste, sind wir keine einzige Wende gefahren. Der Westwind brachte den Herbst und uns bis in die Elbemündung. Jedoch riss bei der ersten Halse des gestrigen Tages das Groß einen Meter unterhalb des Tops quer durch. So fuhren wir mit der Genua bei bis zu 33 Knoten Wind, 7,5 Knoten durchs Wasser und 10,5 über Grund.

Jetzt liegen wir vor Glückstadt. Die Stadt wurde im 17. Jahrhundert von den Dänen als Gegenpol zu Hamburg inszeniert und der Name war wie die Religionsfreiheit, Teil seines Marketings. Für mich verbindet sich der Name mit Wartezeiten im Verkehrsfunk und Walfang.

Läuft man vom Hafen zum Markt, glaubt man, Glückstadt sei vor 150 Jahren nur von Kapitänen bewohnt. Wir Acht aßen im Restaurant „Der Kleine Heinrich“, benannt nach einem Grönlandfahrer, der von seiner letzten Fahrt vor 155 Jahren nur noch mit Robben aus dem Nordmeer kam. Wal war aus.

7. September

Und gestern sind wir in den Zielhafen eingelaufen. Die Elbe strömte Richtung Quelle und nahm uns mit. Steuerbord liegt Lower Saxony, das Land in dem mehr Schweine als Menschen leben. Und es riecht auch so. Backbord Holstein. Vom Holt (altsächsisch für Holz) ist nicht viel geblieben. Aber dort stehen noch ein paar Bäume mehr als gegenüber.

Wedel, durchwachsen, Blankenese, die blanke Sahne (sahneweiße Villen auf grünem Grund), von rechts schallt Düsenlärm aus Finkenwerder. Und dann Hamburg, sich inszenierend als blaue Stadt. Ein Blau, längst nicht so unschuldig und provinziell wie die Farbe der Mannschaft einer unteren Liga. Hamburgs Blau leuchtet neonkalt mit einem Hauch Leidenschaft in Violett. Vom Hafenkran über Ausflugsdampfer bis Philharmonie, ja selbst der Michel ist alles in dieses sündige Technoblau getaucht und die Elbe reflektiert endlos wirre Lichter, dass kein Back- und auch kein Steuerbordfeuer mehr gilt. Und wo vor langer Zeit die Kutter den Hering brachten, spült es heute dampferweise Hedonisten über die Wellen.

Festgemacht vor Elbe 1, dem einstigen Feuer- und heutigem Partyschiff. Im Stadthafen übertönen Grooves den Sound schlagender Fallen.

An Bord brach Abschied aus, mit Bier, Fischsuppe und schon verklärten Erinnerungen an das in der Woche Erlebte.

Ja, das Experiment ist wieder geglückt. Stecke eineinhalb Hände voll Menschen in eine Yacht und gebe ihnen ein Ziel, sie werden ankommen und reicher dazu.